Liebe Gemeinde!
an der Supermarktkasse warten wir im Durchschnitt sieben Minuten sagt die Statistik. Zum Vergleich: In Portugal warten Kunden nur 2 1/2 Minuten, Griechenland sind es fast 14. Als ich für eines unserer Kinder einen Termin bei einem Orthopäden machen wollte – wegen einer Verstauchung, die nach Wochen immer noch schmerzt – fiel mir fast der Hörer aus der Hand: Frühester Termin im Februar 2015. Damit sind wir ganz im statistischen Mittel: Fünf Wochen wartet man in Deutschland auf einen Facharzttermin, wenn man Kassenpatient ist. Als Privatpatient sind es im Schnitt zweieinhalb Wochen.

Warten gehört zu unsrem Leben dazu

In den kleinen wie auch in großen Dingen. In der Adventszeit warten wir. Zum Warten brauchen wir Geduld und Nervenstärke. Und die Aussicht, dass sich das Warten lohnt.
Eine interessante Zusammenstellung zum Warten fand ich in dem Magazin der Landeskirche von Kurhessen Waldeck „Blick in die Kirche“, das vor kurzem der HNA beilag. Demnach verspäten sich etwa 20 Prozent der Züge der Deutschen Bahn sich um 15 Minuten. Und Menschen warten. Das ist ärgerlich, aber es gibt wirklich schlimmeres.
Mehr als ein Jahr warten viele Asylsuchende in Deutschland auf eine Entscheidung, ob ihre Anträge angenommen werden oder nicht. Menschen aus Eritrea warten knapp 15 Monate, Syrer fast fünf, Afghanen 14 und Pakistani sogar 19 Monate. Wie nervend aufreibend muss dieses Warten sein? Kann ich hier bleiben oder muss ich zurück? Wie soll es weitergehen? Wo finde ich einen Platz? Wo habe ich Zukunft?

Warten auf ein Kind

Nervlich angespannt sind auch Paare, die Kinder wollen und doch kinderlos bleiben. Die Statistik sagt, dass jedes siebte Paar ungewollt kinderlos ist.
Vor anderthalb Jahren erschien eine Ausgabe von unserem Kirchenmagazin „unterwegs“ zu genau diesem Thema. Frauen und Männer kommen zur Wort, wie sehr sie gewartet haben, gehofft haben auf ein Kind. Und wie sehr sie das Warten und die Ungewissheit belastet hat. Hier ein kurzer Auszug wie ein Mann diese Situation sehr persönlich beschreibt:
Heute Abend bin ich dran. Wieder einmal. Vielleicht klappt es dieses Mal? Seit zwei Jahren versuchen wir vergeblich, ein Kind zu bekommen. Aber heute will ich nicht mehr. Ich bin doch kein Zuchtbulle: So zögere ich den Gang ins Schlafzimmer solange wie möglich hinaus. Als ich endlich doch hineingehe, empfangen mich leise Musik und Kerzenlicht.
»Ich kann nicht mehr«, sage ich. Wir streiten, und am Ende sitzt meine Frau weinend auf der Bettkante. »Du willst keine Kinder!«
Der Vorwurf schmerzt. Doch, ich will. Aber nicht so. Sex nach dem Kalender ist kein Vergnügen. Das dauernde Auf und Ab der Gefühle zwischen Hoffen, Bangen und Enttäuschung – furchtbar. Dann lieber keine Kinder! Ich bin aufgebracht, trotzig, wütend. Kindisch eben, nur ohne Kinder. Wir gehen uns aus dem Weg und ich spüre, dass ich meine Frau vielleicht verlieren werde an diesen unbedingten Kinderwunsch. Ein Zustand zum Wahnsinnigwerden. Ich habe nur noch Angst.

Ausgabe 11/2013 von „unterwegs“, Magazin der Evangelisch-methodistischen Kirche, Seite 5.

Sie werden fragen: Warum bringe ich dieses ernste Thema heute mitten im Advent? Mit solch einem Drama beginnt die Weihnachtsgeschichte. Wir haben vorhin den Lobgesang des Zacharias gemeinsam gelesen:

Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen…

Dieser Lobpreis ist die Antwort darauf, dass die Frau des Zacharias, altgewordene Elisabeth, ein Kind zur Welt brachte. Lange ersehnt, wahrscheinlich vor Jahren lange aufgegeben und dann geschieht es doch.
Beide lebten so, wie es Gott gefiel, und hielten sich in allem genau an die Gebote und Weisungen des Herrn. Sie hatten keine Kinder, denn Elisabeth war unfruchtbar, und jetzt waren sie beide alt.
Einmal, als Zacharias vor Gott seinen Dienst als Priester versah, weil seine Abteilung damit an der Reihe war, wurde er nach der für das Priesteramt geltenden Ordnung durch das Los dazu bestimmt, in den Tempel des Herrn zu gehen und das Rauchopfer darzubringen. Während der Zeit, in der das Rauchopfer dargebracht wurde, stand die ganze Volksmenge draußen und betete.
Da erschien dem Zacharias ein Engel des Herrn; er sah ihn auf der rechten Seite des Rauchopferaltars stehen. Zacharias erschrak und wurde von Furcht gepackt. Doch der Engel sagte zu ihm: »Du brauchst dich nicht zu fürchten, Zacharias! Dein Gebet ist erhört worden. Deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn schenken; dem sollst du den Namen Johannes geben. (Lukas 1, 6ff)

Dieses Kind, so erzählt uns Lukas, ist Johannes der Täufer gewesen. Der Priester Zacharias und seine Frau Elisabeth haben lange wartet auf einen Nachkommen: Lukas beschreibt sie als fromme Menschen, die ihr ganzes Leben danach ausgerichtet haben, nach den Geboten Gottes zu leben. Aber ein Satz später wird angesprochen, was ihr Leben auch bestimmt und das Drama ihres Lebens ausmacht:

Sie hatten keine Kinder, denn Elisabeth war unfruchtbar, und jetzt waren sie beide alt.

Wie lange hatten Zacharias und Elisabeth gewartet und gehofft, ein Kind zu haben? Wie lange haben sie gebetet? Wahrscheinlich waren es Jahre und danach haben sie lange getrauert, als sie keine Kinder bekommen haben.
Der Mann in unserer Kirchenzeitung beschreibt seine Gefühle so:
Es ist ein schrittweiser Abschied vom Wunsch nach eigenen Kindern. Doch es tut gut, loszulassen. Klar, sagen Freunde, wenn man unbedingt will, ist man doch blockiert und dann geht schon gar nichts im Bett. Aber es ist nicht nur das: Wenn sich der ganze Alltag nur noch ums Kinderzeugen dreht, geht der Blick für anderes verloren. Wir beschließen, wieder zu leben. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Aber es geht.
Wir suchen nach Alternativen. Reproduktionsmedizin kommt für uns nicht infrage. Zu groß ist die Angst vor dem Scheitern, zu abschreckend sind die Erlebnisse befreundeter Paare.
Wir befassen uns mit dem Thema Adoption und Langzeitpflege von Kindern. (…) Wir geben dem Jugendamt alles preis und werden nach dem Hausbesuch von Mitarbeiterinnen für würdig befunden, ein Kind adoptieren zu dürfen. (…)
Und wir nehmen die Möglichkeit in den Blick, dass wir auch ohne Kinder ein glückliches Leben führen können.


 Erinnerungen an die Verheißungen an Abraham und Sara

Bis heute ist ungewollte Kinderlosigkeit stark belastend. Damals in der Bibel war es eine Schmach. Denn Kinder galten als Segen Gottes. Was hieß das, wenn dieser Segen ausblieb? Welchen Grund gibt es dafür?
Und dann war Kinderlosigkeit natürlich eine reale Gefahr: Vor allem Kinderlose Frauen waren im Alter allein, sie wurden nicht versorgt und waren rechtlos. Die Sicherheit, der Wohlstand und das Fortbestehen einer Familie hing daran, dass Kinder geboren wurden.

Wenn Lukas von diesem Paar Zacharias und Elisabeth schreibt, dann weckt er unter seinen Lesern die Erinnerung an die Geschichte von Abraham und Sara, die lange keine Kinder hatten, bis sie hochbetagt waren. Obwohl Gott ihnen eine Verheißung gegeben hatte, sie würden so viel Nachkommen haben wie Sterne am Himmel. Als dann Engel die Geburt des Isaak ankündigen, müssen sie beide lachen: Sara wie Abraham haben gefragt: Wie soll das gehen? Wir sind doch viel zu alt dafür.
Die Vorgeschichte zu Weihnachten um Zacharias und Elisabeth spielt auf diese Geschichten an. Letztlich sind es menschliche Dramen, die vom Warten und Hoffen erzählen.

Warum müssen Zacharias und Elisabeth erst so alt werden bis Gott sie erhört?

Wenn ich die Geschichte von Zacharias und Elisabeth höre, dann frage ich mich: Warum müssen Zacharias und Elisabeth erst so alt werden, bis dass Gott sie erhört? Ist Glauben immer eine Geschichte, in der wir auch mit Enttäuschungen umgehen müssen? Warum erhört Gott nicht meine Gebete? Und wenn sie noch so dringlich sind? Auch wenn ich für andere hoffe und bete: Für ihre Gesundheit, damit Menschen Zukunft haben, damit sie leben können. Warum müssen wir so lange warten?
Viele von den schönen Adventsliedern sprechen von der tiefen Sehnsucht, dass Gott endlich antworten möge. Dass er endlich sein Schweigen bricht, gegenwärtig ist und rettet. Wie wir vorhin gesungen haben:
Komm, du lang ersehnter Jesus, / komm und mach uns Menschen frei / von der Angst und von den Sünden, / unsre Ruhe in dir sei!
Man spürt in diesem Lied geradezu die Erleichterung: Jetzt ist es soweit… Das Warten hat endlich ein Ende. Noch dringender finde ich persönlich das Lied:
O Heiland, reiß die Himmel auf, / herab, herab vom Himmel lauf. / Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, / reiß ab, wo Schloss und Riegel für.
Unser Gott, warte nicht mehr, reiß alles weg, was deinen Weg zu uns verbarrikadiert. Räum es aus dem Weg! Jetzt!

Die Not eines ganzen Volkes

Lukas erzählt die Geschichte von der Kinderlosigkeit der Elisabeth und ihres Mannes Zacharias, nicht nur weil eine ungewollte Kinderlosigkeit als ein persönliches Drama von vielen empfunden wurde.
Bei den Propheten wird die Kinderlosigkeit zum Bild für die Not des ganzen Volkes. Israel erlebte das Exil wie eine kinderlose Frau: „Ich war unfruchtbar, einsam, vertrieben und verstoßen“ heißt es Jesaja 49. Israel empfindet sich als allein gelassen, ohne die Gegenwart und den Segen Gottes.
Aber dann Gott greift letztlich doch ein. Er bringt sein Volk aus dem Exil zurück. Und der Prophet beschreibt diese Situation, wie eine Frau dann doch Kinder bekommt: „Dann werden sie deine Söhne in den Armen herbringen und deine Töchter auf der Schulter hertragen.“ (V.22)
Lukas greift in seiner Vorschichte zur Geburt Jesu diese Hoffnung wieder auf:

Wie Gott im Alten Testament sich auf die Seite der kinderlosen Frauen stellt und sich ihrer erbarmt, so ist er auch jetzt bei seinem unterdrückten Volk und wird es retten. Wie Elisabeth gegen alle Erwartungen im hohen Alter noch ein Kind bekommt, so wird das Kind in der Krippe an Weihnachten die Wende bringen.

Meine Frage ist: Lohnt sich das Warten? Was ist die Alternative?

Ich kann Zacharias so gut verstehen, dass er dem Engel zunächst nicht glauben kann. Bei Lukas heißt es so: Zacharias sagte zu dem Engel: »Woran soll ich erkennen, dass das alles geschehen wird? Ich bin doch ein alter Mann, und meine Frau ist auch nicht mehr jung.«
Wenn Gott in das Leben eines Menschen tritt können sie es oft nicht glauben!
Die andere Frage ist, können wir uns ein Leben vorstellen, ohne dieses Hoffen und Sehnen, danach dass Gott die Wende bringt ohne Gewalt einzusetzen. Dass die Dinge sich ändern. Wie Katharina am letzten Sonntag gesagt hat: Im Advent leben heißt so viel wie, mit dem Unmöglichen zu rechnen.

Im Advent erinnern wir uns daran, dass Gottes als Kind unter uns geboren wurde, wir erhoffen, dass er hier unter uns ist. Er ist die Hoffnung für unsere Welt, die so schön ist, aber auch so bedroht. Und sie ist bedroht.

Mir hat das Jahr 2014 hat richtig zugesetzt: Immer noch kein Frieden in Syrien und im Irak. Unendlich viele Menschen sind auf der Flucht und brauchen Hilfe. Und wir in Deutschland spüren das hier auch. Menschen kommen zu uns und brauchen unsere Hilfe. Ebola bricht in Sierra Leone und in Liberia aus. Und alle haben diese Krankheit unterschätzt. Dazu der Krieg in der Ukraine.

Wir brauchen Hoffnung, wir brauchen Menschen, die die Sehnsucht wachhalten. Menschen, die warten, dass Gott kommt. Dass wir mit Zacharias sagen können:
Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.
Amen.