Liebe Geschwister,

die neutestamentliche Lesung war wieder ein typischer Paulus-Text. Paulus sagt der Gemeinde, was sie zu tun und zu lassen hat. Er sagt es im Bezug auf zwei Verhaltensweisen: Einmal im Bezug auf’s Essen und im Bezug auf das Halten von heiligen Tagen. Es geht ihm um ganz alltägliche Dinge, die aber in der Gemeinde in Rom wohl für viele Konflikte gesorgt haben. Solche Konflikte kennen wir auch heute. Alltägliche Handlungen werden in Gemeinden und auch auf höheren Ebenen zu Problemen, die gläubige Christen spalten. Ein sehr aktuelles Beispiel in unserer weltweiten Kirche, aber auch hier in Deutschland, ist die Debatte um Homosexualität: Kaum haben sich nach der Generalkonferenz die Spaltungsbefürchtungen wieder beruhigt, rückt das Thema mit der Wahl der offen lesbischen und mit einer Frau verheirateten Karen Oliveto zur Bischöfin der Rocky Mountain und Yellowstone Konferenzen wieder in den Fokus.

Aber es muss nicht gleich Grundsatzentscheidungen betreffen. Andere Beispiele wären Gottesdienstzeiten oder auch die schlichte Frage, ob beim Kirchenkaffee fair gehandelter oder aber konventionell angebauter Kaffee angeboten werden soll. Die beiden Beispiele aus unserer jüngsten Gemeindegeschichte rufen vielleicht der einen oder dem anderen in Erinnerung, welche Diskussionen da geführt wurden.

Diese Probleme sind keineswegs neu, sondern schon seit Anbeginn der Kirche vorhanden. Schon Paulus hatte viel Grund, zur Einheit zu mahnen. Gucken wir uns den Predigttext an, dessen Vorgeschichte wir schon als Lesung gehört haben.

Römer 14, 7-9 (Gute Nachricht Bibel)

Niemand von uns lebt für sich selbst und niemand stirbt für sich selbst.
Wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Wir gehören dem Herrn im Leben und im Tod. Denn Christus ist gestorben und wieder lebendig geworden, um Herr zu sein über alle, Tote wie Lebende.

Diese Antwort ist als Problemlösung gedacht.
Schauen wir uns aber erst mal genau das Problem an, bei dessen Lösung Paulus hier helfen will. Worin genau besteht es? Gibt es nicht die Möglichkeit anderes Fleisch zu essen, solches, das eben nicht mit irgendwelchen Götzen in Verbindung stand? Fleisch, dass nicht rituell unrein war?

Unser Umgang mit Fleisch ist da ganz anders. Wir haben viele Möglichkeiten, Fleisch zu kaufen – vom billigen Fleisch aus Massentierhaltung bis zu Biofleisch aus der Region beim Metzger um die Ecke, der auch noch selbst schlachtet. Im antiken Rom war das allerdings nicht so einfach. Nahezu alles Fleisch war in irgendeiner Form mit Opfern an die römischen Gottheiten in Verbindung zu bringen. Warum? Es gab keine Massenbetriebe oder eigenständige Metzger, wie wir das heute kennen. Geschlachtet wurde in den Heiligtümern der römischen Gottheiten. Dort wurde geopfert, dort wurde Fleisch gebraucht, verarbeitet und das, was nicht geopfert wurde, konnte man kaufen.

Wer Fleisch wollte, musste zum nächsten Tempel. Erschwerend kam hinzu, dass noch das meiste davon Schweinefleisch war, bzw. war dieses noch am ehesten bezahlbar. Im Urchristentum hatte dieses Fleisch natürlich eine gewisse Brisanz, weil die damaligen Christen dem Judentum noch recht nahe standen. Da war der Verzehr von Schweinefleisch grundsätzlich untersagt. So wird der Streitpunkt also deutlich, wenn wir in die damalige Umwelt der römischen Gemeinde schauen. Die allgemeinen Lebensumstände brachten es mit sich, dass, wenn Fleisch schon mal auf den Teller kam, das in der Regel Schweinefleisch aus dem nächsten heidnischen Tempel gewesen sein dürfte. Da wird der Diskussionsbedarf der Gemeinde nachvollziehbar.

Wir wissen jetzt besser um die historische Situation Bescheid.

Ich möchte jetzt versuchen, die wichtigsten Fragen und Punkte herauszuarbeiten: Ganz klar ist: Das Problem, auf das Paulus eingeht, ist alltäglich und geht deshalb alle etwas an – niemand kann sich heraushalten. Paulus ist aber nicht jemand, der nur innerhalb des Problems bleibt. Er stellt keine Regeln auf, die das Essverhalten bestimmen sollen. Es lässt sich vielmehr die Frage herauslesen: Wieso will ich jemanden korrigieren? Was habe ich für einen Grund für meine Haltung oder Meinung gegenüber dem Verhalten meiner Glaubensgeschwister? Paulus sagt: Unsere Haltung unseren Geschwistern gegenüber soll sich aus unserer Haltung Christus gegenüber ergeben. Christus und die lebendige Beziehung zu ihm sollte unsere höchste Motivation sein. Daraus können wir die Motivation zur Gemeinschaft mit den Mitmenschen ableiten – und zwar egal, wie sie ihren Glauben leben.

Paulus wählt radikale Worte: Leben und Tod! Er spricht hier vom ganzen Menschen, von Anfang bis Ende und darüber hinaus in Ewigkeit. Es geht nicht nur darum, an bestimmten Tagen oder zu bestimmten Zeiten unsere Beziehung zu Christus unser Handeln und unsere Haltung bestimmen zu lassen, sondern er ist immer unser liebender Herr, Bruder und Vater.

Paulus hat aber auch eine eigene Position, die er nicht verschweigt: Er spricht ja ganz deutlich von Starken und Schwachen im Glauben. Er selbst ist theologisch eher einer Meinung mit den „Starken“ – also mit denen, die das „Götzenfleisch“ essen und die sich dadurch in ihrem Glauben nicht bedroht fühlen. Aber er sagt auch: Selbst eine begründete Position darf nicht über der Einheit der Kirche stehen. In der Kirche muss Platz für alle sein – wo denn sonst kann überhaupt Platz für alle sein, wenn nicht bei Gott, der uns geschaffen hat und uns so liebt, dass er seinen Sohn für uns in den Tod gegeben hat? Das betont Paulus ganz stark: Wir sollen einander nicht nebeneinander sehen, sondern immer in der Nähe zu Christus. Und auf welche Weise wir versuchen, Christus nahe zu sein, und wie wir diese verschiedenen Weisen begründen, ist erst mal egal. Dabei geht es Paulus nicht um willkürliche Nachgiebigkeit, kein „everything goes“ – aber eben auch nicht um eine buchstabengetreue Gesetzesbefolgung. Wieder einmal erinnert er daran: Der Sinn der Gesetze besteht darin, die Gläubigen zu Gott zu bringen und da zu halten.

Wie können wir das nun ganz konkret auf uns beziehen?

Zum Einstieg ein Beispiel: Viele von euch haben Kinder und erleben es passiv, aber zumindest aktiv hat es jeder und jede von uns durchlaufen. Wenn Menschen in das Jugendalter kommen, dann verändert sich die Wahrnehmung von der Welt, wir bekommen einen Sinn dafür, dass wir uns in einem großen und komplexen Miteinander befinden. Wir waren oder sind noch auf gewisse Weise abhängig vom Umfeld, von Eltern, Geschwistern, ja sogar von Lehrern – und diese Abhängigkeiten greifen auch ineinander. Für die meisten ist diese Entwicklung eine echte Herausforderung. Schließlich wollen wir mehr und mehr eine eigene Persönlichkeit erlangen. Ein Spannungsfeld tut sich auf, es gibt Reibung, Konflikte, lautstarken Streit. Das ist die Phase, in der die Eltern schwierig werden.

Warum dieses Beispiel? Ich glaube, es verdeutlicht gut, welche Herausforderungen das Spannungsfeld: Einzelperson-Gemeinschaft mit sich bringt. Dieses Spannungsfeld spielt nicht nur in der individuellen Entwicklung eine Rolle, sondern auch in der Entwicklung von uns als Christen und Gemeinden. In Gemeinden treffen die unterschiedlichen Entwicklungen im Glauben und die vielen individuellen Charaktere und im Glaubensleben in der Gemeinschaft aufeinander. Das geht natürli­cherweise mit Spannungen einher, auch mit Konflikt und mit lautem oder auch leisem Streit.

Spürbar wird das schon in der noch jungen Gemeinde in Rom, an die Paulus schreibt. Um das Jahr 55 – gerade einmal etwa 25 Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung – befinden sich sowohl die einzelnen Geschwister als auch die Gemeinde selbst in ihrer „Jugendzeit“ und ringen auf ihrer Suche nach Identität um herausfordernde Fragen.

Wir haben schon gehört, dass Paulus die konkrete Frage nach dem „Götzenfleisch“ gar nicht so wichtig ist wie die Frage nach dem Umgang der Geschwister mit Konflikten. Das, was sich damals in Rom abgespielt hat, ist also genauso relevant für uns heute. Wir müssen uns klar machen: Es stehen sich nicht abstrakte Lehrmeinungen gegenüber, sondern Menschen. In der Gemeinschaft zwischen Menschen entstehen Spannungen und es werden Konflikte ausgetragen; das war bei der Ge­meinde in Rom so, das ist auch heute so – von unserer Gemeinde aus bis hin zur weltweiten Methodistischen Kirche und auch bis zur Ökumene. Und wo Menschen Streitfragen aushandeln, da kommt schnell auch menschliche Eitelkeit ins Spiel, da wird es schnell recht unsachlich, da geschieht Verachtung: „Meine Position ist die beste und die richtige!“ Das Gegenüber denkt  natürlich das Gleiche. Wir sind sehr darauf bedacht, unseren Standpunkt zu verteidigen, durchzusetzen und bestätigt zu finden. Das ist besonders bei Frage des Glaubensleben brisant: Jede einzelne Person fühlt sich mit ihrer Postion auf der richtigen Seite und das heißt bei uns Christen: auf der Seite Gottes.

Aber: Kann ich das behaupten, dass ich näher bei Gott bin, als mein Gegenüber? Woher will ich wissen, der mein Gegenüber weiter entfernt von Gott ist?

Diese Auswüchse menschlicher Eitelkeit und Unsachlichkeit und Verachtung, sagt Paulus, haben bei solchen Fragestellungen des Glaubenslebens keinen Platz, sie gehören da nicht hin. Im dritten Vers von Römer 14 heißt es: „Wer Fleisch isst, soll die anderen nicht verachten; aber wer kein Fleisch isst, soll die anderen auch nicht verurteilen, denn Gott hat sie ja in seine Gemeinschaft aufgenommen.“

Als Menschen sind wir alle erst mal gleich in unserer irdischen Beschränktheit und in unserer Trennung von Gott. Deswegen können wir das Gegenüber aus einem menschlichen Gefühl der Überlegenheit in Glaubensfragen nicht kritisieren, wir sind nicht in der Position dazu. Was uns als Christen aber auch eint, ist dass Gott uns annimmt wie wir sind. Daran erinnert Paulus ebenfalls die Gemeinde in Rom, aber auch uns: Uns eint, dass wir diesem Angenommensein entgegen streben im Glauben. Wir empfangen das Geschenk der Annahme, die Liebe Gottes.

Uns eint also eine höchste Motivation – die Gemeinschaft mit Gott.

Das ist unsere höchste Motivation – die Gemeinschaft mit Gott.

Dieses höchste Motiv beschreibt auch Paulus:

„Die einen beachten an bestimmten Tagen besondere Regeln; für die anderen sind alle Tage gleich. Es kommt nur darauf an, dass jeder nach seiner festen Überzeugung handelt. Wer besondere Regeln beachtet, tut es für den Herrn, für Christus. Auch wer alles isst, tut es für den Herrn; denn er dankt ja Gott für das, was er isst. Und auch wer nur Pflanzenkost isst, tut es für den Herrn und dankt Gott dafür.“ (Verse 5-6)

Mit Blick auf den Herrn schreibt er und meint damit, unsere Ausrichtung auf Gott hin. Streitfragen gibt es und wird es immer geben – in den kleinsten Gemeinden und auf der weltweiten Ebene. Was wir dabei aber nie aus den Augen verlieren sollten, ist dem Gegenüber diese höchste Motivation zuzugestehen, sich nicht davor zu verschließen, dass eben auch es aus dieser höchsten Motivation heraus handelt.

Wenn wir unser Gegenüber unter diesem Gesichtspunkt der höchsten Motivation statt mit menschlicher Verachtung sehen, dann ist das eine gesündere Diskussionsbasis als aus menschlicher Überheblichkeit richten zu wollen.

 

Jetzt aber nochmal eine wirklich unangenehme Frage: Was bleibt nun letztlich, wenn uns Konflikte über bestimmte Themen drohen als Christen zu spalten?

Ich glaube, Paulus wusste sehr wohl darum, dass in der Christenheit viel gestritten werden würde. In den ersten 20 bis 30 Jahren dürfte er da schon einiges erlebt haben. Mit der Gemeinde in Korinth war es nicht leicht, das Apostelkonzil und Fragen nach der Tischgemeinschaft in Antiochia und eben auch der uns vorliegende Streifall um das Essen in Rom. Paulus erlebt viel Streit und Paulus selbst stritt auch viel. Von seinem langjährigen Begleiter Barnabas trennte er sich letztlich auch wegen Meinungsdifferenzen. Paulus merkt selbst immer wieder, dass das menschliche Miteinander nicht einfach ist, dass Differenzen auftauchen und dass er dabei immer wieder an seine eigenen Grenzen stößt. Darum bietet er uns hier in diesem Bibeltext auch keine fertige Patentlösung an.

Er weiß, dass er selbst ja auch nur ein von Gott getrennter Mensch ist. Er weiß um seine eigene menschliche Beschränkung.

Ganz wichtig ist: Paulus gesteht den einzelnen Positionen innerhalb der Gemeinde Roms die höchste Motivation – also das Streben in die Gemeinschaft mit Gott – zu, obwohl er in diesem Streit auch eine eindeutige Position bezieht. Er stellt sich aber nicht in die Position des Richters über seine Glaubensgeschwister! Das überlässt er Gott, wie wir in Vers 7 bis 9 lesen können:

Niemand von uns lebt für sich selbst und niemand stirbt für sich selbst. Wenn wir leben, leben wir für den Herrn, und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn. Wir gehören dem Herrn im Leben und im Tod. Denn Christus ist gestorben und wieder lebendig geworden, um Herr zu sein über alle, Tote wie Lebende.

Offensichtlich sieht Paulus voraus, dass es an mancher Stelle für uns Christen leider schwierig ist, zueinander zu finden. Manche Differenzen scheinen einfach unüberbrückbar.

Wir leben und sterben für den Herrn

Paulus will uns damit klar machen: Auch wenn uns als Menschen und Christen so viele Dinge in unserem Zusammenleben immer wieder herausfordern und auch, wenn wir dabei für manches nicht DIE Lösung finden, ist das nicht das Ende vom Lied

Wir leben und sterben für den Herrn

Letztlich müssen wir uns vor Gott verantworten und nicht vor unseren Geschwistern in der Gemeinde oder vor anderen Mitmenschen. Das kann uns eine gewisse Immunität gegen Anfechtungen unserer Mitmenschen geben. Das soll aber nicht heißen, dass wir uns aus allem zurückziehen sollen und jeder sein eigenes Süppchen kocht, weil es eben einfacher ist und uns dann niemand auch mal kritisch hinterfragt.

Glauben braucht Gemeinschaft. Wie ließe sich sonst so etwas Großes wie Gottes Reich aufrichten? Glauben braucht Dialog, um sprachfähig zu bleiben und das Evangelium weiter zu sagen. Glauben braucht auch Kritik, um wach zu bleiben und nicht einzurosten.

Wenn es dabei auch mal Reibungen und Spannungen gibt zwischen uns als Christen, dann bin ich mir sicher, ist Gott auch dort mitten unter uns. In dieser Gewissheit dürfen wir auch die Dinge an Gott abgeben, von denen wir merken, dass wir mit ihnen an unsere menschlichen Grenzen stoßen und uns auf das besinnen was uns als Christen eint: die höchste Motivation – die Gemeinschaft mit Gott.

Amen